Wo die Wasserreserven der Gebirge am stärksten bedroht sind

Wissenschaftler aus der ganzen Welt - auch aus der Schweiz - haben eine Rangliste von insgesamt 78 von Berggletschern gespeisten Wassersystemen erstellt. Kriterien waren ihre Bedeutung für die Tiefländer sowie ihre Verletzlichkeit für ökologische und sozioökonomische Veränderungen. Diese Gebirgswassersysteme (Engl.: water towers) speichern und transportieren Wasser über Gletscher, Schneepakete, Seen und Bäche und versorgen so rund 1,9 Milliarden Menschen weltweit - etwa ein Viertel der Weltbevölkerung - mit wertvollen Wasserressourcen.

Water-Tower_Indus
Zwei Frauen pflegen ihr Kartoffelfeld im Chipursan-Tal, Pakistan. Diese Region ist Teil des Indus-Einzugsgebiet, der laut Forschungsarbeiten, die von der National Geographic and Rolex Perpetual Planet Partnerschaft unterstützt wurden, das am stärksten beanspruchte gletschergestützte Wassersystem der Welt ist. Erfahren Sie mehr unter natgeo.com/PerpetualPlanet. Foto von Matthew Paley, National Geographic.

Die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie belegt, dass die Gebirgs­wasser­reserven vielerorts durch den Klima­wandel, wachsende Bevölkerungs­zahlen, Miss­wirtschaft der Wasser­ressourcen und andere geopolitische Faktoren akut gefährdet sind. Die Autoren kommen zum Schluss, dass internationale, gebirgs­spezifische Strategien und Strategien zur Anpassung an den Klima­wandel unerlässlich sind, um sowohl Ökosysteme als auch die Menschen flussabwärts zu schützen. In der Schweiz waren Forschende der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL und des Geographischen Instituts der Universität Zürich an der Studie beteiligt.

Europäische Alpen stark beansprucht

Das weltweit am stärksten beanspruchte und auch eines der am stärksten gefährdeten Bergsysteme ist die Indus-Region in Asien. Sie besteht aus weiten Teilen des Himalaya-Gebirges  und umfasst Teile von Afghanistan, China, Indien und Pakistan. Weit oben auf der Rangliste stehen zudem die südlichen Anden, die Rocky Mountains und die europäischen Alpen.

Um die Bedeutung dieser 78 Gletscherwassersysteme zu beurteilen, analysierten die Forscher die verschiedenen Faktoren, die bestimmen, wie abhängig die nachgelagerten Gemeinden von der Wasserversorgung aus diesen Systemen sind. Sie bewerteten für jedes Einzugsgebiet, wie verwundbar sowohl die Wasserressourcen als auch die von ihnen abhängigen Menschen und Ökosysteme sind, basierend auf Vorhersagen über das zukünftige Klima und sozioökonomische Veränderungen.

Von den 78 identifizierten globalen Gebirgswassersystemen sind dies die fünf am stärksten beanspruchten des jeweiligen Kontinents:

●    Asien: Indus, Tarim, Amu Darya, Syr Darya, Ganges-Brahmaputra
●    Europa: Rhone, Po, Rhein, Nordküste des Schwarzen Meeres, Küste der Kaspischen See
●    Nordamerika: Fraser, Columbia und US-Nordwesten, Pazifische und Arktische Küste, Saskatchewan-Nelson, Colorado
●    Südamerika: Süd-Chile, Süd-Argentinien, Negro, La Puna Region, Nord-Chile

«Wir haben nicht nur untersucht, wie viel Wasser die Gebirgswassersysteme speichern und bereitstellen, sondern auch, wie viel Bergwasser stromabwärts benötigt wird und wie anfällig diese Systeme und Gemeinden für die wahrscheinlichen Veränderungen in den nächsten Jahrzehnten sind», sagt Walter Immerzeel von der Utrecht Universität, Co-Studienleiter der Untersuchung, an der 32 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt beteiligt waren. Co-Studienleiter Arthur Lutz fügt hinzu: «Durch die Bewertung aller Gletscher-Wasserreserven der Erde haben wir jene Einzugsgebiete identifiziert, die auf der regionalen und globalen politischen Agenda zuoberst stehen sollten.»

Die Studie wurde von National Geographic und Rolex im Rahmen ihrer Perpetual Planet-Partnerschaft unterstützt. Diese hat zum Ziel, die Herausforderungen für die entscheidenden Lebenserhaltungssysteme der Erde aufzuzeigen, die Erforschung dieser Systeme zu unterstützen und Entscheidungsträger auf der ganzen Welt zu befähigen, Lösungen zum Schutz des Planeten zu entwickeln.

«Berge sind ikonische und heilige Orte auf der ganzen Welt, aber ihre entscheidende Rolle bei der Erhaltung des Lebens auf der Erde ist nicht hinreichend geklärt», sagte Jonathan Baillie, Executive Vice President und Chefwissenschaftler der National Geographic Society. «Diese Forschung wird Entscheidungsträgern auf globaler und lokaler Ebene helfen, Prioritäten zu setzen, wo Massnahmen zum Schutz der Bergsysteme, der von ihnen bereitgestellten Ressourcen und der von ihnen abhängigen Menschen ergriffen werden sollten.»

Eine Visualisierung der Daten und die Ranglisten der Gebirgswassersysteme finden Sie auf natgeo.com/PerpetualPlanet.

Immerzeel, W.W., Lutz, A.F., Andrade, M. et al. Importance and vulnerability of the world’s water towers. Nature (2019) doi:10.1038/s41586-019-1822-y